Ultra X Jordan 2023 – 225km Wüste im Wadi Rum

Ultra X Jordan 2023

10 Tage Jordanien, fünf davon im berühmten Wadi Rum, der vielleicht schönsten Wüste der Welt beim Ultra X Jordan über 225 Kilometer. Ein Etappenrennen in einer Krisenregion, aber eben auch atemberaubender Landschaft. Ein unvergessliches Erlebnis aus sportlicher Sicht und leider auch ganz nah am Terrorangriff der Hamas auf Isral am 7. Oktober 2023.

Sonntag – Anreise von Amman ins Wadi Rum zum Ultra X Jordan 2023

09:00 Uhr Briefing im Tagungsraum des Regency Palace Hotel nach 3 Tagen Sightseeing in Amman, so startet das Abenteuer Ultra X Jordan. Danach geht es Reihe für Reihe in den Nebenraum, wo jemand sich ein geniales System für den Kit-Check ausgedacht hat: man klebe im leergeräumten Raum mit Kreppband 2x2m Quadrate auf dem Boden ab und erkläre diese zum Kurzzeithabitat eines jeden Läufers. Hier kann man seinen Duffelbag auskippen und den Inhalt vorsortieren.

Der Kit-Check

Kontrolliert wird durch ein Team-Member das Mandatory-Equipment, in meinem Fall durch George von den Medics. Als er meine mit Etikettendrucker beschrifteten Nutritionpacks und einer exakten kcal-Auflistung sieht, ist der Drops quasi gelutscht. Deutscher, oder? War ja klar! Ob ich eine Excel-Liste vom ganzen Equipment habe? Was für eine Frage, selbstverständlich – und alle Teile sind mit aufgerundeten Gewichten darin verzeichnet. Ich sehe wie er innerlich die Hände über dem Kopf zusammenschlägt und die Sache abhakt.
Alles gut. Warum war ich eigentlich vorher so nervös? Weil alle vorher nervös waren!
Nächste Station: Tasche wiegen. Natürlich habe ich eine kleine Kofferwaage mit dabei und kenne das Gewicht der Tasche aufs Gramm genau. Der Social Media Boy wiegt heute die Taschen. Als ob es mir auf der Stirn tätowiert wäre, schaut er mich an und fragt, ob ich das Gewicht meiner Tasche wüsste. Ein Grinsen liegt in seinem Gesicht. Ich glaube er wusste was kommt. „For sure. 17 point 95 kilogram!“ Strike, versenkt. Er verzichtet auf das Wiegen und holt seine GoPro, damit ich das noch einmal in die Kamera sage. Erledigt. Ganz schön peinlich, denn mir wird klar, dass der Müll 5 Sekunden später bei Facebook und Insta heißläuft. Gut, dass ich jetzt keine Zeit habe mir den Scheiß anzuschauen. Meine Familie schon – OMG!
Witzig ist auch, dass die Taschen nun eine halbe Stunde im Tagungsraum herumliegen und ich problemlos noch die Feinkostabteilung vom Supermarkt, ein Klappbett und einen Stromgenerator darin hätte verstauen können. Und ich Depp hab mir überlegt die Powerbank in die Hosentasche zu stecken, weil sie mit 500g zu schwer für die Tasche ist.
Kurze Zeit später sitzen wir in einem von 4 Bussen. Die meisten haben eine kleinen Rucksack mit noch mehr Kram dabei. Nicht ernsthaft, oder? Diese ganze Wiegerei hätte ich mir sparen können, wenn es auch so geht. Beim nächsten mal weiß ich Bescheid.
Erste Reihe und damit auf Augenhöhe mit dem Obermotz der Medics, John. Furchtbar netter Typ und außerdem ein talentierter Comedian, der mit seinem Team ungefähr 34x nachzählt, bis es losgeht. Diese Sache hat mich im Vorfeld hochgradig nervös gemacht, denn Busfahren vertrage ich etwa genau so gut wie als Beifahrer durch die Alpen fahren. Was für ein Glück, dass das Reisemittel diese Problematik ganz einfach gelöst hat.

Route 35 – einmal längs durch Jordanien

Wir verlassen die 4 Millionen-Einwohner-Stadt Amman (übrigens eine der ältesten der Welt) mit einem Verabschiedungsstau und es geht die scheinbar endlose und teilweise ganz schön bergige Route 35, später 47 in Richtung Golf von Akaba in den Süden. Dort ist übrigens auch Ende mit Jordanien und die Grenze nach Saudi Arabien durchtrennt die Bergwelt. Ganz so weit müssen wir nicht und nehmen noch 2 Stopps mit, die für Essen, Pinkelpause und Devotionalien vom umtriebigen und stets sehr gut gelaunten, lokalen „Reiseleiter“ organisiert wurden. Er klärt auch die Fragen bei Polizeikontrollen und verdient ganz sicher an jedem Stopp mit. Soll er, passt schon.
Irgendwann, nach etwa 5 Stunden Fahrt geht es links ab in die Wüste zum Wadi Rum Village. Der „Eingangspforte“ des Wadi Rum, letzte Chance auf Mobilfunk. Danach gibt es nur noch in selektierten Camps per Richtfunk Verbindungen – in unserem Fall gibt es vor allem absolute Funkstille.

Das Wadi Rum Village

Hier wechseln wir vom Bus in Geländewagen. Alles natürlich fabrikneue Modelle der G-Klasse mit TÜV-gerecht montierten Sitzbänken auf der Pritsche. NOT!
Unser Petrol Head Joe Ocr wählt ein Modell aus diesem Jahrtausend und einen Fahrer, der vermutlich erst kürzlich Bartwuchs feststellte. Au weia. Mir war dummerweise auch entgangen, dass der liebe Joe dem hochmotivierten Kinderrennfahrer auf die Frage nach „Slow or Fast?“ ein „Fast“ entgegnete. Ich hätte diese Frage ja synonym zur immer gleichen Dönerdealerfrage nach „Scharf?“ ein „So mittel“ entgegnet. Zu spät.
Die Rückbank der Sitze ist mit einem dünnen Blumendraht an der Karosserie befestigt. Wir werden sterben! Alle! Noch heute und bevor wir noch einen einzigen, verdammten Kilometer durch den roten Wüstensand gelaufen sind. Beerdigt im selbigen und zugekackt von stinkenden Kamelen. Verdammte Axt, was für eine bescheuerte Idee!
Wir haben das innoffizielle Rennen gewonnen und sind als erste im Camp. Der gefühlt 12-jährige Ahmed grinst breit und ich denke darüber nach, was es mich kosten wird, die Wirbel wieder an ihre angedachte Stelle zurücksortieren zu lassen. Ich drohe Joe Prügel an, sollte er bei der Rückfahrt wieder mit Ahmed herumdealen. War der überhaupt schon 12? Konnte der überhaupt über das Lenkrad schauen?

Das Camp

Beduinenzelte, fertig aufgebaut. Ein paar ziemlich schicke rote Berge als Kulisse dazu. Vermutlich Requisiten vom Filmdreh „Der Marsianer“. Wo sind denn hier die Kartoffeln aus den Exkrementen von Matt Damon gewachsen? Ist das am Ende alles echt? Ganz schön krasse Szenerie. Als die Sonne untergeht, wird es schon ein wenig romantisch. Keine Zeit, Sachen auspacken, Bett machen, mit der Enge arrangieren und außerdem halten Sam, Jamie und John noch eine schwungvolle Rede. John mahnt uns, wir sollen die täglich von ihm gestellte Frage ob wir Stuhlgang hatten ernst nehmen und wahrheitsgemäß beantworten. Immerhin fragt er nicht jeden einzeln oder will Fotos sehen.

Die Beduinenzelte – gewöhnungsbedürftige Enge

Ich wandere mal auf den nächsten Hügel und lasse das alles auf mich wirken. Dann wird der ganze Kram für den Start am nächsten Morgen vorbereitet, bevor es ins überaus provisorische „Bett“ geht. Viel Platz gibts ja nicht, jede Berghütte ist dagegen das Ritz.
Aber wir haben es besser getroffen als Andrea Löw und Silke Leikheim im fast geschlossenen Mädelszelt mit einem männlichen Fremdkörper. Da ists noch viel enger und der Fremdkörper schränkt die weibliche Privatsphäre noch weiter ein. Das ist überaus merkwürdig!
Joe, Holger Nolte und ich besetzen eine Seite des Zelt plus einem netten Engländer. Auf der anderen Seite suchen 3 weitere Engländer und ein Mädel aus UK Schlaf.
Hat überhaupt gar nicht geklappt. Die erste Nacht blieb ich schlaflos. Zu aufregend, zu eng, zu ungewohnt, zu was weiß ich…
Um 04:30 geht’s weiter in den ersten Renntag. Morgen mehr dazu…

Montag – Erstes Rennen (40K // 390hm) beim Ultra X Jordan

Um 04:00 Uhr vibriert die Uhr am Handgelenk. Unnötig, denn ich habe eh nicht geschlafen. Vor dem Zelt irren bereits lauter Frühaufsteher mit ihren Redlights herum, die jetzt schon in Montur ihr Frühstück zwischen den Mundwinkeln herumtragen. Good Morning – das Abenteuer beginnt.
Arg früh, wenn man eigentlich vorbereitet ist. Und doch nicht blöd, denn jetzt lernen wir die erste Herausforderung des Tages kennen: Wo, verdammt noch mal, ist eigentlich der doofe Löffel? Wo ist die Sonnencreme? Warum liegen die Aminos nicht da, wo ich sie gerade noch hingelegt habe? Es ist furchtbar eng im Zelt, man hat keinen Platz um Dinge auszubreiten, es ist stockdunkel und man will mit der Headlight auch nicht andere stören. Also suchen wir. Und wenn wir gefunden haben, suchen wir was anderes. Unfassbar nervig!

Morgenrituale

Seit 04:00 Uhr kocht das Wasser in zwei riesigen Boilern für Frühstück und Kaffee. Hab keinen dabei und die letzte Woche komplett auf Koffein verzichtet, weil ich bei den wenigen Gels mit Koffein möchte, dass diese dann auch richtig knallen. Abwarten, ob das funktioniert. Das sorgsam zusammengestellte Eigenbaumüsli im Vakuumbeutel wird mit dem 30g-Armeemesser fachmännisch geöffnet und in die doppelwandige Leichtbau-Multifunktionstasse umgefüllt. Wasser rein und mit dem überlangen Titanlöffel umrühren. Was habe ich mir vorab für einen Kopf gemacht das Gewicht so gering wie möglich zu halten, um es bei potentiell wichtigeren Dingen (wie Nervennahrung / Essen) verschwenden zu können, die man eben nicht als Leichtbau bekommt. Mit den Gedanken im Kopf passiert mich ein Pärchen mit elektrischen Zahnbürsten….

Der erste Start unter dem blauen Start- und Zielbogen von Ultra X

Start um 06:30 Uhr. Humane Zeit, um 06:15 Uhr ist es aber stockdunkel. Zu diesem Zeitpunkt war noch nicht klar kommuniziert, dass JEDEN TAG die Headlight Mandatory-Equipment ist. Also mal einpacken, anscheinend braucht man die heute schon. FALSCH. Irgendjemand, vermutlich der verantwortliche Camp-Beduine, schaltet um 06:20 Uhr das Licht ein. Mir war am Vorabend schon aufgefallen, dass die Sonne hier in 3 Minuten von „Licht an“ auf „Licht komplett aus“ umstellt. So ist es morgens auch, nur umgekehrt. Allerdings ohne gleißende Sonne, denn es ist gut bewölkt. Das hatte der Wetterbericht angesagt, mehr oder weniger für die ganze Woche. Glücksfall, denn so bleibt uns die mörderische Hitze vielleicht doch erspart. Könnte aber auch bedeuten, dass es schnell wird.

Der erste Start

Dann stehen wir an der Startlinie unter dem großen Ultra X Bogen und Sam hält eine Rede. Kurz und prägnant und noch 30 Sekunden. Kein Knall, sondern Gesang und Vuvuzelas der Beduinen und ein GO befördern uns in die Wüste. Das ist es jetzt also. Eigentlich hätte ich letztes Jahr hier stehen sollen, doch eine langwierige Knieverletzung hat das verhindert. Aber jetzt, 19 Monate von der Idee bis zur Umsetzung, ist es soweit. 3.130 Trainingskilometer aus diesem Jahr und 55.000 Höhenmeter stehen auf der Uhr. 3 Bergrennen in DE/AT, ein Berg-Ultra in Schweden, 4 Trainingsmarathons, ein 50K-Trainingsultra im schwedischen Strandsand und jede Menge Back2Back-Trainingseinheiten über 2, 3, 4 und letztlich auch 5 Tage mit steigenden Distanzen habe ich absolviert. Doppelte Einheiten früh morgens und Abends mit Lampe auf dem Kopf. So viel habe ich schon sehr lange nicht mehr trainiert um hier keine Überraschung zu erleben.
Alles gecoacht von Francesco Puppi über die Trainingsplattform Vert.run. Er war immer da, wenn es Zweifel gab, hat den Plan angepasst und die zahlreichen Verletzungen mit mir durchgemacht. Danke dafür Francesco!
Gemächlich geht es los. Wie war noch der Plan? Erst mal locker angehen und schauen wie es sich so läuft. Die Spitze knallt davon als ob es ein 10K wäre. Ich beobachte das und es nervt mich gewaltig in einer Talkshowblase mitzulaufen. Also wird etwas beschleunigt und an der Seite mit einer vollkommen entspannten 6er Pace dahingetrabt. Der Boden ist hart, nur leichter Sandauftrag, das ist ja fast wie daheim im Wald.

Welcome Joe

Nach 5K schließt Joe Ocr auf. Schöne Überraschung. Schneller Mann, hatte ihn vorab ein wenig gestalkt und wusste um seine Fähigkeiten bei OCR-Races und seine Teilnahme beim TAR2, erst vor wenigen Wochen. Wir beschließen die Sache erst einmal gemeinsam anzugehen, albern herum, machen Fotos und rollen eine Position nach der anderen nach vorne.
An VP1 (7K) geht es vorbei, aha – so schaut das also außerhalb von Filmchen aus – gut, weiter. VP2 (14K) nehmen wir zur Kenntnis. Wenn ich mich recht erinnere, haben wir auch hier nichts gemacht. Immer noch gut bewölkt, etwa 25 Grad, perfekte Bedingungen. Ab und zu mischen sich nun deutlich tiefere Sandböden unter und wir beginnen uns alternative Wege daneben zu suchen, die härter sind. Sand kostet einfach wahnsinnig viel Kraft. Bis VP3 (21K) ufert das ein wenig aus, das Feld ist inzwischen ziemlich zerrissen und wir laufen alle extrem breit an der Route vorbei. Wie sich später noch herausstellen wird, bringt das eher wenig, denn es kostet einiges an zusätzlicher Distanz.
Die Landschaft ist trotz der Bewölkung ein Traum, rote Berge, roter Sand, die ersten Kamele passieren die Route, eine Ziegenherde grast ohne Gras mitten in der Wüste – verrückt.
Inzwischen habe ich entdeckt, dass es mich nun weiterbringt die Mütze nasszumachen. Wenn das Wasser den Nacken hinunterläuft lenkt das gut ab und erfrischt hervorragend. Ab Tag 2 gehe ich auch dazu über den Buff zu tragen, den ich als Mandatory-Equipment eher für Sandstürme dabei hatte, und auch diesen tropfnass um den Hals zu legen. Eine absolut großartige Sache in der Wüste. Doch dazu später mehr….
Joe verkündet vor VP4 (28K), dass er jetzt Tempo rausnehmen will, weil er Respekt vor den kommenden Tagen und Distanzen hat. Klingt weise. Ich überlege was das für mich bedeutet, was mein Tagesziel eigentlich ist und wie ich mich fühle. Es geht mir aber viel zu gut um jetzt langsamer zu machen und vor uns laufen noch ein paar Läufer, die ich ganz gerne hinter mir sehen möchte. Wir trennen uns und ich beschleunige relativ deutlich. Bis zum VP5 bei 35K hole ich 6 versprengte Positionen auf. Nummer 7 steht am VP und lässt sich feiern, er hat nämlich Geburtstag. Happy Birthday und Goodbye, ich verzichte auf einen Stopp und frage im Vorbeilaufen nach den Restkilometern. Eigentlich überflüssig, denn natürlich weiß ich wieviel es noch sein müssen, so um die 4. Antwort 4K. Danke.
Drei weitere Positionen kann ich mich noch verbessern und so langsam bekomme ich Zweifel, ob das mit den 4K realistisch ist, denn es ist absolut nichts zu sehen. Inzwischen laufe ich komplett alleine. Weit vor mir sind noch 2 Läufer unterwegs, die nicht einholbar sind. Nach der nächsten und letzten Bergkuppe ist das Camp zu sehen.
Die 4K sind bereits durch. Kann ja nicht wahr sein. Ich hatte die Energieaufnahme so berechnet, das sie gut passt, aber eben auch keine großen Sprünge darüber hinaus erlaubt. Die Squeezy Liquids sind verbraucht, ein Backupriegel (auf den ich keine Lust habe) liegt noch in der Raidlight-Weste und eine Tüte Powerbar Shots ruht im Belt. Brauche ich für die verbleibenden 2K noch etwas? Schwer zu sagen. Eigentlich keine Lust gerade auf etwas herum zu kauen.
Ein leichter Schwindel und deutlicher Kraftverlust nimmt mir die Entscheidung extrem plötzlich ab. Ok, Speicher leer. ich muss doch noch etwas zu mir nehmen. Tempo raus, Tüte raus, Zeug rein und hoffentlich knallt der schnelle Zucker sofort. Fünf Minuten stapfe ich durch den inzwischen tiefen Sand und ärgere mich über diesen Anfängerfehler. Was für eine Zeitverschwendung. Hoffentlich rollt mich keiner der Überholten auf, wie peinlich wäre das bitte?
Immerhin es funktioniert! Der Zucker erlöst mich vor dem K.O.-Schlag und das Koffein funktioniert auch super. Wenigstens ein Plan, der aufgegangen ist.
Eine gefühlte Ewigkeit dauert es, bis das Camp größer wird. Von wegen 4K, satte 6K waren es und nicht nur ich habe mich im Camp darüber noch geärgert. Anderen erging es ähnlich.
Von hinten naht ein weiterer Läufer, den ich bisher nicht kannte. Kein Überholter, wenigstens das bleibt mir erspart.

Dom – der Engländer mit der Katastrophen-Anreise

Es ist Dom aus England, der erst in der Nacht zu Sonntag in Amman und ohne Gepäck ankam. Nur die Schuhe sind seine, der Rest ist geliehen. Wegen einer Hochzeit konnte er nicht früher los und dann hat die Airline auch noch sein Gepäck verloren. Aber immerhin, er ist jetzt hier und läuft. Mit ihm stapfe ich 200m plaudernd durch den Sand bis wir beschließen die restlichen 500m mit erhobenem Kopf und als Läufer zu beenden.
Die Uhr sagt: fast 42K. Na super, die Umschifferei der tieferen Sandböden hat also auch gut Strecke gekostet, dazu die etwa 2 unerwarteten Kilometer nach dem letzten VP. Die Strategie ist für den nächsten Tag zu überdenken.
Platz 32. Nun ja. Echt so weit hinter den Top 20? Auf der anderen Seite war es der erste Tag und da wird von vielen gebolzt. So schlecht ist die 6:21er Pace im Sand und bei der Temperatur nun auch wieder nicht.
Das angenehme ist, es ist noch nicht einmal Mittag und die entspannte Phase beginnt. Speicher auffüllen, viel Trinken, Beine hochlegen, Campleben beobachten. Und von vorne. So wenig Energie verbrauchen wie es geht und maximal für den nächsten Tag regenerieren. Über Stunden treffen immer mehr Läufer im Camp ein und es wird nun recht lebendig. Viel Zeit kann man damit totschlagen weiter nach verschollenen Dingen in Tasche und Zelt zu suchen. Das wird für uns alle in den nächsten Tagen zur Hauptbeschäftigung….

Dienstag – Sand & Canyons

Dienstag – Zweites Rennen (41K // 490hm)
Am Montag-Abend des Ultra X Jordan hatte Race-Director Jamie eine großartige Szenerie und deutlich mehr Sand als am Vortag angekündigt. Er sollte Recht behalten.
Bevor es jedoch wieder auf die rutschige Luftmatratze ging, habe ich am späten Nachmittag noch ein paar Fotos von den umliegenden Hügeln und dem Camp gemacht und auf einem monströsen, aber gut kletterbaren Gesteinsbrocken Eremiten-Yoga für Anfänger gemacht. Nicht dass ich irgendeine Ahnung von Yoga hätte, mir ist im Verlauf der letzten 1,5 Jahre nur gedämmert, dass der ganze Zirkus rund um das Dehnen und zur Verbesserung meiner Beweglichkeit eh Teile von Yoga sind, seitdem nenne ich es Yoga und habe es stark ausgebaut. Also saßen an diesem Nachmittag zwei Typen auf zwei Felsen, etwa 150m auseinander und über dem Camp und haben einen auf Yogi gemacht.
Der zweite Renntag beginnt wie der zuvor, nur etwas später: 04:30 Uhr vibriert die Uhr und ich stelle fest, schon wieder fast nicht geschlafen. Dafür tut mir der Rücken weh. Check der Beine: nix. Nun gut. Das Daily Pack im Race Rucksack von Raidlight (Responsiv 12l) sah übrigens von Montag bis Donnerstag immer gleich aus:
First Aid Kit mit allem was vorgeschrieben ist an Erste-Hilfe-Krempel, Verbänden, Desinfektion, Blasenpflaster, Rettungsdecke, Versicherungsschein, 800 kcal Notration, Elektrolyt-Notration, das Minimesser und anderer Kram – den ich in der ganzen Woche und überhaupt noch nie benötigt habe. Sollte ich ihn mal vergessen, brauche ich ihn – garantiert!
  • Raidlight Hydration Pack 1200 ml, gefüllt mit 900 ml Wasser und 100 g Squeezy Energy Drink Pulver. Zu diesem Equipment kommen wir am Donnerstag.
    Je nach Streckenlänge 6-12 Squeezy Liquid Energy Gels. Ein Riegel. Eine Packung Powerbar Shots mit Koffein. 10 Squeezy Salt Tabs. 10 Elektrolyttabletten.
  • Trailrunner-Headlight von Silva
  • Vorne eine Raidlight Flask mit 600 ml fertig angemischter Elektrolytlösung. Primär habe ich diese zwischen den VPs leergetrunken und aufgefüllt. Zusätzlich aus dem Reservoir getrunken und die Energie kam größtenteils aus den Liquids und dem Carboloading.
  • Weiter geht’s mit dem Frühstück, Müsli wie die ganze Woche, dann eine Flasche Sponser Carboloader. Damit ist dann der persönliche Energiespeicher ziemlich gut aufgeladen. Es verblieben je in etwa 1.5 Stunden bis zum Start, ideal zur Energiewandlung und Verdauung.

 

Wieder ging es um 06:30 Uhr los. Dieses Mal die letzten 2km des Montags wieder zurück. Also gleich ordentlich Sand, aber immerhin ein wenig bergab. Joe und ich haben dieses Mal den Start an der Startlinie in Angriff genommen, da es keine elektronische Zeiterfassung gibt und man so direkt vor dem Feld ist und sich nicht erst durchschlängeln muss. Klingt albern bei über 220K Strecke, aber es war motivierend das Ding von vorne zu laufen.
Nach 2km bogen wir dann von der Vortagsstrecke nach links ab und es ging auf einem neuen Trail in die Einsamkeit. Joe hatte angekündigt die Hügel zu Gehen um Kraft zu sparen. Sollte es dann eine Trennung geben, ist das für beide OK. Der Punkt kam relativ schnell, weil ich den ersten Hügel laufend nahm und wir schnell auseinandergezogen wurden. So kam es wie es ab dann jeden Tag kam, wir sind alleine losgezogen. Also Kopfhörer raus, Musik an und schauen was so passiert.
Der Sand wurde am Dienstag schnell tiefer und vor allem fehlte es nun an Ausweichmöglichkeiten. Kilometer um Kilometer verstrich ohne das es besser wurde, aber hey – WÜÜÜÜSTE! Was hatte ich erwartet? Ein schnelles Rennen auf Kiesboden? Lieber nicht, so schnell bin ich nicht, meine Stärken liegen eher in den Bergen und auf sehr langen Distanzen, wenn es anfängt weh zu tun.
VP1 war schnell durch, VP2 ebenso, dann kamen einige Höhenmeter dazu und ich konnte ein paar Positionen gutmachen. Nach der letzten Kuppe und auf dem Weg zu VP3 tauchte vor mir ein Einheimischer, Barfuß mit Startnummer, auf. Gehend, Gut gelaunt. Abgeklatscht! WTF? Kein Teilnehmer des Rennens, wo hat er die Nummer her? Versteht vermutlich eh kein Englisch. Also weiter.

Merkwürdige Manöver

Jetzt schließt ein Läufer von hinten auf und überholt. Ich bin etwas genervt, war ich so langsam? Nach 100m bleibt er stehen und kramt in seinem Rucksack herum. Ich also wieder vorbei. 500m später kommt er erneut und passiert mich, um eine Minute später wieder stehenzubleiben. Wieder vorbei. Was soll das? 2km später schlage ich mit ihm im Schlepptau am VP3 auf und teste erstmals einen klatschnassen Buff am Hals. Die Mädels am Stand schauen mich ein wenig verwirrt an. Die Hitze ist aber inzwischen oberhalb der 30 Grad Marke angekommen, Schatten gibt’s keinen, also dann eben jetzt mit Wasserkühlung.
War ein ziemlich schneller Stopp und ich kann 500m auf den Verfolger herausholen. Über die nächste Sandkuppe bin ich schon hinüber, als er loszieht. Psychologisch eine gute Sache, wenn der Verfolger einen nicht mehr sehen kann. Um das zu verstärken, nehme ich noch mehr Tempo auf und lasse es auch gleich wieder, denn jetzt wird es tatsächlich abenteuerlich. Gewaltige Felsformationen, knallrot, fette Sanddünen, ein Canyon, einige Höhenmeter – atemberaubende Landschaften. Abstand schaffen oder Fotos machen? Ich entschließe mich für letzteres, auch wenn Mister X wieder aufschließen sollte. Es bleibt dabei, er kommt nur etwas näher und nachdem wir diese Szenerie verlassen haben, sorge ich wieder für etwas Respektabstand.

Auf 100 Metern Netzabdeckung im Nirgendwo

Wir passieren links und rechts mehrere Camps für Touristen mit einem etwas höheren Komfortanspruch als der, den wir mitbringen durften. Aus der Netzabdeckungskarte des Wadi Rum – jaja, so etwas gibt es, ich war gut vorbereitet – weiß ich, dass es hier irgendwo mindestens temporär eine Mobilfunkverbindung geben muss. Mit meiner Roamingkarte von Holafly im Umnia-Netz könnte es hier klappen Nachrichten zu bekommen und Garmin Connect zu aktualisieren. Also Netz an. 5 Minuten später spielt die Uhr verrückt und meldet Dutzende eingehende Mail und zahllose WhatsApps. Wie schön. Raus geht nichts, aber immerhin. Der Spuk ist schnell vorbei. Ganz offensichtlich eine Richtfunkstrecke, die ich hier passiert habe.

Planlos durch die Hitze – neue Pläne

Am VP4 überhole ich zwei weitere Läufer und bis zum VP5 noch einen. Ich habe allerdings keine Ahnung wo ich liege und die VP-Besatzungen haben auch keine Ahnung. Ziemlich unspektakulär geht das Rennen bei km 40 zu Ende. Position? Keine Ahnung. War mir auch fast egal. Es wird gerade ziemlich heiß und ich suche nur noch Schatten und die kalte Pepsi vom Mann mit der Eistruhe.
Am Abend hängt eine handgeschriebene Ergebnisliste aus. Heute Rang 19, Gesamt 21. Da schau her. Da ging doch heute mehr als gestern. Es geht voran. An dieser Stelle endete dann auch die unterschwellige “Hauptsache Finishen”-Strategie und wich der heimlichen “Top Ten wäre nett – ist aber vermutlich unrealistisch”-Strategie. Blut geleckt…

Mittwoch – 60km Sand

Mittwoch – Drittes Rennen (60K // 870hm)
Der Tag vor dem alle beim Ultra X Jordan Angst haben! 60K und es ist definitiv vorbei mit erträglich warm – es wird heiß, es wird sehr sandig und 860hm mit ein paar netten Anstiegen sind auch dabei. Für einen Bergspezialisten geradezu ein Witz, aber im tiefen Sand zählt jeder Höhenmeter dreifach.
Heute ist alles anders: Das Feld wurde in zwei Gruppen geteilt. Alle mit einer Zeit von über 11 Stunden aus den ersten beiden Tagen starten um 05:00 Uhr, der weitaus kleinere Rest um 06:00 Uhr. Ich habe 8:40 Stunden auf der Uhr und darf theoretisch eine Stunde länger schlafen. Natürlich Quatsch, denn ich schlafe ja nicht und selbst wenn… Na Schmarrn, tatsächlich habe ich wohl mal 3 Stunden geschlafen, sagt die Uhr. Echt? Ist mir gar nicht aufgefallen. Die Erschöpfung morgens geht immer auf das Konto von fehlendem Schlaf, den Beinen geht es gut. Füße ebenfalls, alles gut gepflegt mit Squirrels Nut Butter, darüber die Injinji-Zehensocken und die neongelben Calfcompression-Tubes von CEP. Gaiter drauf, dicht. Hier ging kein Korn Sand rein – nicht an einem der 5 Tage. Beeindruckend.
Um 05:00 Uhr hören wir die Horde loslaufen. Noch eine Stunde für den Rest. Während sich das Lichtermeer durch die Wüste schlängelt und dieses Mal noch weiter links als bisher in die endlose Weite zieht, packen wir unsere Taschen. Denn heute ist auch Campwechsel und wir laufen nicht zurück in dieses Camp, sondern in ein neues. Die Taschen werden mit Geländewagen umgezogen.

Start im Dunkeln

Um 06:00 Uhr stehen Joe und ich wieder auf der Linie. Die Lichter sind natürlich alle fort, jetzt beginnt die Jagd. Das ist ganz schön despektierlich, ich weiß, aber man braucht diese Gedanken als Motivatoren. Heute weiß kaum jemand wie es laufen wird und gleichwohl ist es herausfordernd so viele Läufer vor sich zu haben wie auch gefährlich, es zu übertreiben.
Mit dem Lichtkegel vor uns geht es los. Die Fähnchen tragen heute auf den ersten 10K zusätzlich rote Knicklichter. Wer sich jetzt verläuft, braucht echt einen Optiker. Es läuft super, die Beine sind herrlich locker, nichts tut weh, die Form ist da. Langsam wird es mir unheimlich. War das Training derart gut auf den Punkt gebracht? Ich bin in diesem Jahr mehrmals um die 110K/Woche gelaufen, aber nie mehr.
Kurz vor VP1 lässt Joe reißen und wir laufen wieder getrennt. Bei etwa 10K tauchen die ersten Läufer aus Gruppe 1 auf. Es wird bereits viel gegangen, der Sand ist recht tief und die aufgehende Sonne bringt ordentlich Wärme mit. Kurz vor VP2 krame ich die Musik raus, die Mädels vom VP tanzen wieder einmal vor dem Zelt, großartig – das motiviert so sehr. Flask leertrinken, aufdrehen, Elektrolytablette schon mal rein, Cap und Buff ab, schneller Stopp. Dabei gleich mehrere Positionen gut gemacht. Es geht auf einen Hügel zu und irgendetwas läuft gerade ab, was ich noch nicht einordnen kann.
Ein Blick auf die Uhr: 5er Pace, viel zu schnell. Aber es fühlt sich so richtig an wie selten. Also lasse ich es laufen, nehme den Hügel und habe auf einmal die Teamkameraden Holger und Jörg vor mir. Im Vorbeilaufen nach dem werten Befinden erkundigt und direkt weiter. Vollkommen irre Situation. Unter der Sonnenbrille laufen mir die Tränen hinunter. Runners High? Echt jetzt? Schön.

Runners High Extended Version

Und es will nicht aufhören. Mit einer vollkommen unvernünftigen Geschwindigkeit geht es quer über eine Ebene und auf den nächsten Gebirgszug zu. Vor mir tauchen nun Andrea und Wolfgang auf. Halli-Hallo-Aufwiedersehen, ich kann jetzt nicht plaudern. Ich will die auch nicht vollheulen. Dieses Gefühl ist nicht teilbar und man kann es auch nicht aufsparen, man muss es nehmen wie es kommt und so lange genießen wie es da ist. Und es ist schon 20 Minuten da. Unglaublich.
Weitere 10 Minuten darf ich genießen und das reicht für den gesamten Anstieg. Dann verebbt es ein wenig und ich mache mir Gedanken, ob ich dafür bezahlen muss. Gedanken abschalten, das klären wir später. Ich bin eigentlich immer noch zu schnell für die Distanz und die Bedingungen, nehme etwas raus, bleibe aber im Überholmodus und immer noch sind Läufer der ersten Gruppe vor mir.
Hinter der letzten Kuppe vor VP3 renne ich fast in ein Kamel. Versunken in Gedanken und Teil der Musik war ich etwas weg vom Geschehen. Meine Güte stinkt dieses Wüstenschiff! Ist das nun ein bedauerlicher Einzelfall oder stinken die alle so? Schnell weg, nicht auszuhalten. Halt, Foto.

Spitze der ersten Startgruppe erreicht

An VP3 muss ich etwas mehr nachtanken und merke jetzt, wie brutal heiß es geworden ist. Ich lasse mir den Eimer Wasser über den Kopf kippen, als er mir angeboten wird. Tut das gut. Die Luft ist jetzt ein wenig raus und ich muss mehr kämpfen, um die nächsten Sandhügel hochzukommen. Wieder tauchen Läufer vor mir auf. Am nächsten Steinbrocken mit über 200m Höhe gibt es immerhin für ein paar Hundert Meter Schatten. Herrlich. Die vor mir liegende Japanerin frage ich im Vorbeilaufen, wieviel aus Gruppe 1 noch kommen. Sie sagt da wäre keiner mehr, nur noch das Führungsfeld aus Gruppe 2. Oha. Geschafft. Wie spannend.
Zu VP4 geht es erneut durch eine Ebene, die ziemlich viel Energie kostet und mir die Grenzen aufzeigt. Hinter mir läuft William, der aufgeschlossen hat. Super Läufer, sehr aufrecht, extrem ausgefeilte Lauftechnik, sehr konstant. Ich versuche ihn etwas auf Abstand zu halten. Klappt nicht, 2K vor VP4 hat er mich, während ich eine mir vollkommen unbekannte Läuferin überhole, die irgendwo aus einem Gebüsch gesprungen kam und nicht mehr ganz so frisch ausschaut. Zu Dritt geht es weiter. Ich merke nun aber, dass die Kraft wieder zurück ist und William etwas zurückbleibt. Flucht nach vorne, wird vermutlich nicht klappen, aber an den VPs habe ich bisher immer viel Zeit gut gemacht.
Mit 300m Vorsprung erreiche ich den VP und haste sehr schnell weiter. Aus den 300m werden 500-600m, größer werdend. Nächste Tiefebene, dieses Mal nicht ganz so tiefer Sand. Gut laufbar, aber blöderweise habe ich ein paar Fähnchen übersehen und muss nun improvisieren und die Richtung raten. Ein Geländewagen rast vorbei, Sam im Fenster. Muss richtig sein.
Runners High – Episode 2
Nächster VP, der fünfte, also bei etwa 35K. Unspektakulär. Aber hier wird jetzt nachgefragt wie die Verfassung ist, ob ich noch genug Elektrolyte habe und ob ich sonstwie Hilfe benötige. Nope. Mir geht’s super. Da ist es wieder, dieses Gefühl von Super. Gerade noch war es ziemlich zäh beim Laufen, jetzt ist alles wieder super. Was für ein Film! Nächstes High auf dem Weg zu VP6 auf einem Hügel. Schon bald kann man den VP auf der Kuppe sehen. Dazwischen ein langes Tal und Serpentinen nach oben. Die vier Läufer vor mir nehmen den direkten Weg und nicht die Serpentinen, wirken aber ermüdet. Zum ersten Mal entscheide ich mich für die längere Strecke und laufe den markierten Weg hinauf. Die beiden ersten habe ich schnell überholt, die beiden davor kurz vor dem VP – 4 auf einen Streich. So langsam dämmert mir, das ist mein Tag – wer weiß wo ich liege. Diese Frage muss geklärt werden.
Am VP6 ist man im Bilde, Rang 15. Wow, ich hatte auf so eine Antwort gehofft. Weiter, das darf jetzt nicht mehr hergeschenkt werden. Auf dem Weg zu VP7 wird es sehr hügelig und teilweise auch sandig. Trotzdem kann ich mich direkt am nächsten auf Rang 14 und 3km später auch auf Rang 13 vorschieben. Immer noch powert etwas in mir, nicht mehr so krass wie Stunden zuvor, aber dennoch spürbar. Dazu die Motivation nun endlich an den Top Ten zu kratzen. Ob noch mehr geht, weiß ich nicht, da vorne laufen verdammt gute Läufer mit Marathonzeiten unter 3 Stunden. Aber es sind 60K, nicht 42.
Der nächste VP, der 7., bestätigt noch mal meinen 13. Rang und pusht mich. Ich erfahre vom Geländewagen der mich passiert, dass ich aktuell wohl der Läufer mit den schnellsten Zwischenzeiten zwischen den letzten VPs bin und auch die meisten Positionen gut gemacht habe. Mehr Motivation geht nicht.

Endspurt

Es geht in einen Canyon, Sam und Jamie stecken ein paar Fähnchen vor mir neu. Über uns kreist ein fetter Geier und kreischt. Schnauze da oben. Hier gibt’s nichts zu holen. Wieder verpeile ich ein wenig die direkte Route und sehe keine Fähnchen mehr, aber da es kaum Interpretationsspielraum gibt, war es nicht zu schwer zurück auf den rechten Pfad zu finden. Der Spaß ist nun vorbei. Bei km 55 fehlt es nun ein wenig an Kraft, aber immerhin taucht nun der letzte VP auf. Noch irgendwie im Bau befindlich, bekomme ich eine Volldusche aus mindestens 3 Litern Wasser. Was für eine Verschwendung und wie genial! Etwa 3K sollen es noch sein, also sogar etwas kürzer als die angesagten 60K. Vor mir fliegen 2 Militärhubschrauber durch das Tal, auf einem Bergkamm stehen Dutzende Menschen. Was ist denn hier los? Keine Ahnung, weiter.
Mehrere Bergmassive tauchen auf, zum Fuße von einem muss das neue Camp liegen. Nicht sichtbar, denn es geht den Hügel hinauf und um eine Kuppe im Sand herum. Da ist es. Ein Torbogen, 3 Menschen darunter die ziemlich beschäftigt sind und das Camp – NOT! Kein Camp, nichts ist aufgebaut. Die Beduinen basteln noch gemütlich an den ersten 2 von 12 Zelten, die meisten Taschen stehen in der prallen Sonne. Für mich wird ganz schnell eine 3-Personen-Cheerleading Notbesatzung zusammengetrommelt, die mich gebührend bejubelt und empfängt. Der Social Media Boy trägt mir meine Tasche hinüber zum Schatten im Fels, wo die anderen 12 schon sitzen. In 10 Minuten können wir in die Zelte. Super, Danke… Aber so wird es nicht kommen.

Die Zeit als Kaugummi

Die 10 Minuten haben 2 Stunden gedauert. Die Empfangscola gibts nach 2:30 Stunden. So langsam werden es mehr Leute im Camp, die sich nun darüber ärgern. Zeltnummern werden abgefragt und an einigen Stellen eskaliert es ein wenig, weil sich *** Break *** Was in der Wüste passiert, bleibt in der Wüste!
Joe trifft als nächster des Teams ein und wir gehen zum gemütlichen Teil über. Was für ein Tag!!!! Erst viel später sehe ich auf der Gesamt-Ergebnisliste, dass ich mich von Rang 21 auf Rang 17 vorgearbeitet habe. Da geht noch mehr. Aber der Donnerstag wartet mit fast 50K auf uns…
Das Angstszenario ist bewältigt, jetzt gibt es ein neues mit 50K. Stehe ich morgen früh wieder so erholt auf wie heute?

Donnerstag – der Canyon-Day

Donnerstag – Viertes Rennen (50K // 640hm)
Der Donnerstag beginnt im neuen Camp beim Ultra X Jordan wie alle anderen Tage: viel zu früh für meinen Geschmack.
Immerhin habe ich inzwischen den Dreh raus, um mehr Schlaf zu bekommen. Seit der Nacht von Dienstag auf Mittwoch stopfe ich mir pinkfarbene Knet-Ohropax in die Ohren und setze mir diese unglaublich stylische Schlafbrille auf. Irgendwie fand ich das Ding ja lächerlich, muss nun aber zugeben, dass es meine Schlafqualität erheblich verbessert hat. Auch nach 5 Tagen haben immer noch eine ganze Reihe Leute die die Funktionsweise der in einer Testphase befindlichen Mobiltoiletten nicht verstanden. Sie sind nicht mehr nutzbar. Alternativ dazu gibt es die Beutel-Lösung auf Gestell. Ich will da gar nicht näher drauf eingehen… Vereinzelt sieht man Gestalten 100m weiter in der Wüste stehen/hocken. Auch nicht so schön, wenn man dann mal tagsüber spazieren geht. Interessanterweise werden diese Überbleibsel aber anscheinend von den achtbeinigen Krabbelwesen aus der erweiterten Familie der Ameisen, deren Namen ich nicht kenne, abtransportiert und für irgendetwas benutzt. Die Wüste lebt, und zwar nicht zu knapp.

Physio nach dem Rennen…

Gestern Nachmittag gab es noch eine interessante Physiobehandlung. Hatte damit nicht gerechnet, aber alle in den Top 20 haben automatisch eine Behandlung bekommen und sind dafür abgeholt worden. Super Sache. Das linke Knie hatte zwischendurch mal dumpf herumgezickt. Der Schmerz kam nicht so richtig durch das ich runterfahren musste, hat mich aber etwas beunruhigt und an die kapitale Entzündung vor einem Jahr erinnert, die mich dann 6 Wochen vor Abreise aus dem Rennen geworfen hat. 15 Minuten experimentieren meine Physio und ich herum um festzustellen, woher das Problem kam. Danach steht fest, Hüfte rechts ist ziemlich blockiert und daraus entstehen wohl die Probleme am Knie links innen. Weitere 15 Minuten später fühlt sich alles schon viel leichter an, aber das Thema ist natürlich nicht behoben.
Der Gedanke an das Knie begleitet mich an die Startlinie. Joe Ocr steht erneut neben mir. Dahinter eine inzwischen unglaubliche Menge an getapeten Läufern, Bandagenträgern und humpelnden Gestalten. So langsam hat sich das Lager in einer Art Feldlazarett gewandelt, kaum noch jemand ohne Tape. Die Schlange vor den Medics ab 0400 ist inzwischen wirklich lang. Da werden Zehen abgeklebt, behandelt, Nägel (nein, lassen wir das – sehr unschön), kleinere Verletzungen desinfiziert, Kinesio im Kilometerbereich am ganzen Körper verklebt, Stützbandagen verbaut und und und. Alles im Schein der Headlights. Als ob es gleich in den Krieg ginge…
Irgendwie ist das auch so. Der Feind ist die Hitze, der Sand und knappe 50K, um wieder ins Camp zu kommen. Heute ist Canyon-Tag und es soll grandiose Erlebnisse auf der Strecke geben. Ja, und erneut viel tiefen Sand. Wir hatten ja ein wenig auf etwas mehr plane Oberflächen gehofft – plöpp, Traum geplatzt.

Überholen und Überholen lassen…

Es geht los um 06:30 Uhr und zunächst die gleiche Strecke raus, wie wir reinkamen. Immerhin ist der Start etwas vertraut, aber der erste Knick führt uns nach 2km dann auch schon wieder in das Ungewisse. Es geht recht schnell einen Hügel hinauf und immer weiter nach oben, nichts was besonders aufs Tempo drückt, aber dennoch Meter für Meter Kraft kostet. Ich passiere William, der wieder einmal unglaublich entspannt vor sich hin trabt und mir attestiert wieder einmal extrem stark auszusehen. Selber. Vermutlich werden wir uns wiedersehen. Niemand läuft derart konstant wie William, der zieht sein Ding so stoisch und gleichmäßig durch wie die Schweizer Eisenbahn. Mir ist inzwischen bewusst, dass wir fast gleichauf liegen und es vielleicht noch ein Rankinggerangel geben könnte. Heute versuche ich es mit einer recht frühen Flucht nach vorne.
VP1 zieht durch, knapp dahinter geht es zwischen Felsformationen in einen eher kleinen Canyon, in dem ein riesiges Beduinenzelt mit Krimskrams steht. Danke, hab schon alles. Links abgebogen und wieder raus aus dem Canyon. Über eine Ebene geht es auf den nächsten Hügel zu, wieder Höhenmeter. Läuft wieder einmal richtig gut heute früh. Alexandr hat ins Gehen umgeschaltet und nimmt die Abkürzung nach oben. Auch er liegt nahe bei mir und scheint ziemlich motiviert zu sein. Aus meiner gestrigen Erfahrung habe ich gelernt und nehme erneut den längeren, aber besser laufbaren Trail mit den Fähnchen. Kurz vor dem sich kaugummiartig ziehenden Gipfel habe ich ihn überholt und versuche gleich einen Sicherheitsabstand herzustellen. Klappt gar nicht, Alexandr wehrt sich erfolgreich und bleibt 50m hinter mir dran. Gut, dann warten wir mal ab.
10 Minuten später taucht vor mir der große Typ aus Utah auf, der schon beim 4×4 Transit mit uns im Wagen saß. Leider kenne ich seinen Namen nicht, man sah ihn im Camp auch eher selten, aber ein sehr versierter Läufer, der sich hier ganz bestimmt nicht so fremd fühlt. Auch in Utah gibt es solche Landschaften. Nennen wir ihn Utah.
Für Utah brauche ich deutlich mehr Zeit um heran- und vorbeizukommen. Er macht deutlich längere Schritte als ich mit seinen gefühlten 190cm Körpergröße, wird aber langsamer, wenn es steiler wird. Ich überlege, ob ich es nun überreize, wenn ich Utah überhole. Man weiß ja nie was bei solchen Vorgängen passiert. Manche lassen es geschehen und bleiben bei ihrer Pace, andere erhöhen das Tempo sofort und man muss dann entscheiden ob man dranbleibt oder es lässt und die dritte Gruppe wehrt sich erst und versucht dann dranzubleiben, wenn es doch geschieht. Utah gehört zur dritten Gruppe. Vermutlich die Gruppe, die am nachhaltigsten auf das weitere Rennen wirkt. Denn ab sofort ist man der „Führende“ und macht das Tempo, wird aber auch direkt aufgefressen, wenn man Schwäche zeigt und das ist abgesehen von der Sache an sich auch ganz schön peinlich. Alexandr ist inzwischen abgeschlagen.
VP2 naht und ich laufe vorne nun auf Oliver auf, Utah direkt hinter mir. Oliver fragt am Checkpoint nach seiner Position und es heißt „Rang 6 oder so“. Whaaaat? Wir sind verblüfft. Doch Chef-Medic John korrigiert seine Kollegin und sagt „15“. Aha, irgendwie schade, aber ok. Es geht weiter. Die nächsten 2K führe ich das neue Trio an, dann übernimmt Utah und eilt uns davon. Aha, Ansage und Rache. Ist mir zu schnell. Oliver eilt ihm hinterher, kurz gehe ich mit, entscheide dann aber, dass dieses Tempo zu nichts anderem führen wird als Problemen und lasse beide ziehen.

Die Sache mit dem Hydration-Pack…

Die recht Kniekehle ist feucht. Merkwürdig, schon wieder tropft es und es wird mehr. Was zum Teufel ist das? Den Buff hatte ich noch nicht nassgemacht. Jetzt wird es wirklich nass und ich fasse nach hinten an den Rucksack. Alles klatschnass. Anhalten, Rucksack runter und nachschauen was passiert ist. Wie befürchtet, auch das zweite Raidlight Hydration Pack ist nun undicht. Das erste hatte ich 4 Wochen vor Jordanien reklamiert (nach 5 Läufen!), weil es links vom Schlauchanschluss auf 10mm undicht wurde und das ganze Wasser in einem Schwall freigegeben hat. Raidlight hat das Teil unkompliziert ausgetauscht. Das neue Reservoir habe ich exakt an der gleichen Stelle vorsorglich mit Gaffertape abgeklebt, um an der Stelle vorzubeugen. Die beiden Hälften sind auch nur einfach verschweißt, nicht mehrfach, wie bei manchen anderen üblich.
Ich bin extrem verärgert, denn in dieser Situation wird das nun leere Pack zu einem rennverändernden Problem. Nicht direkt ein Sicherheitsrisiko, aber doch problematisch.
Ich habe den Kram wieder in den Rucksack zurück gepackt und auch den Schlauch vorne hängen lassen. Nun muss der 600er Flask vorne reichen. Glücklicherweise basiert die primäre Energieversorgung auf den Squeezy Liquid Gels, die jeweils 60ml Flüssigkeit bedeuten und ein wenig Wasser ersetzen. Bis zum nächsten VP spare ich etwas mit dem Wasser. Über mehrere sehr sandige Kuppen geht es auf VP3 zu und ich trinke im Vorfeld alles aus. Den aufgefüllten Flask leere ich auch gleich noch zur Hälfte und fülle neu auf, so muss es passen. Wenn ich hier mein Problem preisgebe, droht möglicherweise ein Stop bis zur Lösungsfindung.

Taktikspielchen oder einfach nur Blödsinn?

Es bleibt hügelig, ein steiler Downhill über Geröll führt in die nächste Ebene und so langsam sehe ich den vor mir liegenden Oliver wieder. Aber es sind mehrere Hundert Meter und für heute sind die Spiele erst einmal beendet.
An VP4 bin ich nun fast leer und wiederhole das Spiel vom letzten Checkpunkt, aber mit mehr Wasser. Eigentlich ist das zu viel auf einmal, aber was soll ich tun? Die Sonne brennt inzwischen erbarmungslos und ohne nasses Mütze und triefendes Buff will ich da nicht mehr raus.
Erneut geht es durch ein langes Tal, rechts ein riesiger, roter Sandfelsen und das was oben abgebrochen ist, liegt nun überall in der Wüste verstreut wie Murmeln. Jamie und Sam rasen mit dem Geländewagen erneut vorbei. Links abbiegend geht es 50hm hoch über eine Kuppe in das nächste Tal. Immerhin stimmt jetzt die Richtung und wir bewegen uns wieder in Richtung Camp. So langsam wird es anstrengend nicht ohne darüber nachdenken zu müssen trinken zu können. Das Tempo kann ich noch halten, aber die Sehnsucht nach dem nächsten VP wird größer.
VP5 ist da, Oliver steht noch da, zwei weitere laufen gerade heraus. Hinter mir taucht urplötzlich Christophe auf, sprintet zum VP, die Checkpoint-Mädels schreien wie verrückt. Er hat offensichtlich einen Fanclub! Was für ein Verrückter, sich derart für einen VP zu verausgaben. Ich fasse es nicht. Es geht wieder raus, wieder etwas übertankt. Die 3 vor mir sind bereits weg, einer ist vorne ausgerückt. Nach 200 Metern ist Christophe wieder hinter mir und ich beobachte ihn ein wenig. Er spielt Spielchen und beschleunigt. Während wir etwa in 6 Minuten/km durch den Sand laufen, macht er es in 4:00 oder 4:30 beim Überholen. Ich kenne das vom Radsport, tausendfach selbst gemacht, um dem Gegner die Chance zu nehmen in den Windschatten zu kommen. Aber das ist hier total albern. Vollgas zum Überholen, dann ruht er sich aus und nimmt sich die nächsten beiden vor mir vor. Auch an denen ist er ruckzuck vorbei und stellt einen Abstand von 200m her. Interessante Taktik, wenn man das kann.
Nächster Anstieg und ich hole Oliver wieder ein, der mich vor dem Platzen des Reservoirs abgehängt hatte. Nummer 2 ist weiter entfernt und Christophe knapp davor. Nun macht mein Magen dicht. Kenne ich gar nicht, das gerade konsumierte Liquid verliere ich direkt wieder und muss eine Minute auf Gehen umschalten. Und weg ist die neue Position wieder. Klappt ja super heute, eigentlich eine nicht üble Position, aber die Probleme häufen sich.
Nach 5 Minuten scheint alles wieder ok zu sein. Das Tempo kann wieder erhöht werden und ich fühle mich viel besser. Kurz darauf bin ich erneut an Oliver vorbei und gerne darf das dann jetzt auch so bleiben. Nun taucht der Sprinter Christophe vor mir auf. Er hat seine Poles ausgepackt und humpelt. Beim Passieren frage ich ihn, ob alles ok ist und ob ich ihm irgendwie helfen kann, er etwas braucht oder ich am nächsten VP Bescheid sagen soll? Nein, Nein und nochmals Nein.
Er hat sich wohl selbst abgeschossen und ich überlege, ob es wirklich eine Verletzung ist oder nur vorgetäuscht, weil eine solche Situation schon ganz schön lächerlich ist. Später wird er 3 Plätze hinter mir ins Ziel kommen, ohne Humpelei.

Die Coke am Canyoneingang, die ich nicht bekam

Der Canyon ist in Sicht, halbrechts geht es eine rote Düne hinauf und hier stehen mehrere Jeeps, Touris laufen herum und ein Zelt mit Andenken und Verpflegung steht dort oben.
Das Schlimmste allerdings ist in dieser Situation, in der ich bereits extrem an Wasser sparen muss, dass in diesem Camp ein Eisbehälter mit Coca Cola und 7Up steht. 2 Dinar die Dose. Hätte ich nun 2 Dinar, wäre der Deal perfekt. Habe ich aber nicht. Wer rechnet denn mit so etwas? Nichts hätte ich gerade lieber als diese Dose brauner Zuckerbrause. Eine ganz üble Kinovorstellung in meinem Kopf!
Im Canyon geht es denn Berg hinauf und oben steht eine Gruppe französischer Touristen, die sich gerade perfekt entertained fühlen. Lauter vollkommen bescheuerter Läufer, die bei der Hitze durch die Wüste rennen. Wie dämlich kann man sein? Aber sie haben auch Respekt vor den Irren und johlen wie verrückt, als ich den Hügel überschreite. Einer der jüngeren bietet mir seine Flasche Wasser an, die ich dankbar zur Hälfte leere. Er hat ja gar keine Ahnung, was das gerade für mich bedeutet. Eine kurze Umarmung überrascht ihn (und mich auch, aber das war unfassbar wichtig in der Situation) und es geht nun wieder hinunter.
Dieses Mal mit Klettern durch eine enge Passage mit vielen, riesigen Steinen. Hier kann man sich wunderbar auch den Knöchel umknicken. Aber das bin ich als Alpentier ja gewohnt. Geschafft. Zwischen riesigen Felsen geht es durch den Canyon, niemand vor mir, viel Schatten und ein fast kühles Windchen weht. An dieser Stelle hat mich das Video- und Fototeam erwischt und macht das Foto, dass mich auch viele Jahre danach noch begeistert. Was aus dem Video wird, werden wir sehen.
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Der letzte VP wartet und erlöst mich. Noch 6K ab hier. Aha, es sind also am Ende nicht 50K, sondern 48K – dankend angenommen! Den Weg ins Camp kenne ich nun und das ist gar nicht mal so schön, denn ich weiß, dass wir von ziemlich viel Sand sprechen und die Sonne brennt in dieser Ebene wieder erbarmungslos. Der Stop war gut, ich habe 2 Plätze gut gemacht, aber Oliver ist erneut an mir vorbei. Keine Ahnung wo ich nun stehe, es gab so viele Wechsel, dass ich den Überblick verloren habe. Oliver hat auch direkt Abstand geschaffen und ich beschließe ihn nun endlich ziehen zu lassen. Nachdem ich etwa 30 Sekunden vom VP entfernt bin, sehe ich zwei weitere Läufer aufschließen. Den einen kenne ich nicht, der andere ist William. Verdammt, William – Clockwork Orange in Blau – ich ahne was kommen wird.

Das letzte Gefecht kurz vor dem Ziel

Etwa 2km vor dem Camp habe ich auf Oliver erneut aufgeschlossen, der nun ins Gehen wechselt und vollkommen erledigt aussieht. Laufen ist für heute vorbei, das sieht man, er wird es in Ziel schaffen und man kann ihm auch nicht helfen, spürt aber seine Enttäuschung und Entkräftung. Während ich an ihm vorbeiziehe, kassiert William mich ein. War zu befürchten und ich habe mich bereits vor ein paar Minuten mit dem Gedanken befasst ihn ziehen zu lassen, wenn er kommen sollte. Seine Taktik des konstanten Laufs hat sich wieder einmal ausgezahlt, Respekt.
Rang 14 ist es heute geworden. Gar nicht übel für so eine Ansammlung unerwünschter Probleme und doch, was wäre gewesen, wenn es diese nicht gegeben hätte. Nahe dran den Top Ten, 17 Minuten trennen mich von Platz 10, das wäre heute nicht unrealistisch gewesen.
Erneut darf ich mich zeitnah auf die Pritsche legen und heute mal die Waden richtig locker machen. Danach wird es aus der einen Cola gleich 4 und der schnelle Carboloader sorgt für ein sofortiges Auffüllen der Speicher. Ziemlich schnell geht es dann wieder gut. Und was habe ich am Rest des Tages gemacht: Nichts! Gar nichts!
Morgen ist der finale Tag, bestimmt relaxter, deutlich kürzere Strecke über 34K und vermutlich auch mal wieder besser laufbar mit weniger Sand. Als Abschiedsgeschenk quasi. Das dachte und wünschte ich mir, kommen sollte es vollkommen anders ….

Freitag – Fünftes und letztes Rennen (38.4K // 450hm)

Es ist endlich Freitag, das Schlimmste ist vorbei. Obwohl, eigentlich war es überhaupt nicht schlimm beim Ultra X Jordan. Heute folgt ein eher kurzes Rennen und der Zieleinlauf.
“Kurzes Rennen”, mal ehrlich. Wie sich die Wahrnehmung verschieben kann! Angesagt sind 34K und natürlich ist das eine Distanz, die ich den letzten Monaten oft gelaufen bin und auch eine ganz klare Vorstellung von der Länge habe. Aber “kurz” ist dann doch irgendwie anders. Start um 0700, alle sind irgendwie viel entspannter, aber der Anteil von Mumienläufern in Kinesiotape hat noch einmal zugenommen.

Am frühen Morgen hing auf einmal eine ausgedruckte Rankinglist an der Magnettafel im Camp. Gabs nicht jeden Tag. Diese Brandstifter in der Orga. Natürlich gibt es dafür Abnehmer wie mich und ich stelle fest, Rang 16 Gesamt. William liegt 15 Minuten vor mir, viel Zeit die da rausgelaufen werden muss, aber nichts ist unmöglich. Eher besorgniserregend ist Alexandr mit 3:50 Minuten hinter mir. Die sind ganz schnell weg, wenn man nicht aufpasst. Ich beschließe also auf Alexandr aufzupassen.

 

 

Ein Tag wie jeder andere zuvor?

Same procedure as every day: Joe und ich stehen in zweiter Reihe am Start. Die erste Reihe war ganz schnell besetzt. Interessant! Jamie erzählt etwas vom Final Day und einer tollen Strecke, aber auch viel, viel Sand und hohen Temperaturen. Alexandr steht neben mir. Der Start ist freigegeben und es geht dieses Mal rechts aus dem Camp raus. Da waren wir noch gar nicht und deswegen war mir auch nicht bewusst, dass es hier erst einmal nach oben geht. Alle anderen Routen habe ich mir in Komoot vorher angesehen, diese nicht. Doofer Fehler, aber irgendwie hatte ich das Rennen schon gehakt. Alexandr zieht an mir vorbei, aber mit was für einem Antritt. Verrückt. Aber nicht nur er, das ganze vordere Fünftel geht ab wie Schmidts Katze und darin sind nicht nur Top 20 Läufer enthalten, sondern auch ungewohnte Gesichter. Was habe ich denn eigentlich verpasst? Gibt’s jetzt Sprintwertungen oder Preise für Bergankünfte?
Unfassbar. Ich gehe mit, etwas moderater, aber doch deutlich schneller als ich eigentlich starten würde. Alex habe ich im Auge und überlege ihm 300m zu geben, bevor ich ihm nachsetze. Ganz offensichtlich habe ich nicht alleine beschlossen meinen Rang behalten zu wollen oder gar zu verbessern. Bei den meisten geht es hier anscheinend um Verbesserung. William läuft etwas vor mir, aber von dem habe ich auch nicht erwartet direkt in derart schnelle Positionskämpfe einzusteigen.
Nach den ersten 80 Höhenmetern geht es im richtig tiefen Sand wieder hinunter in die Ebene. Vollkommen irritiert bin ich Zeuge, wie Alex mit riesigen Schritten den Hang hinunterrennt und den Abstand auf locker 200m vergrößert. Das kann ja lustig werden. In der Ebene beruhigt sich das Feld nun ein wenig. Die ersten 5km sind durch, jetzt zieht es sich auseinander und die ersten Läufer fallen wieder zurück. Das Tempo ist immer noch hoch und fordert Opfer. Eines der ersten Opfer ist Alex und ich muss zugeben, dass sich ein wenig Schadenfreude in mir breitmacht. Nicht das ich wüsste wie es in ihm und seiner Muskulatur aussieht, aber es war unwahrscheinlich, dass er das halten kann. Er nimmt kurze Zeit später zur Kenntnis, dass er an der nächsten Kuppe nicht folgen kann und fällt zurück. Das Spiel geht in die zweite Runde, dass es noch einige geben wird, weiß ich an dieser Stelle freilich noch nicht.
Wieder einmal schließe ich zu William auf, genau vor VP1. Ich überlaufe den VP, inzwischen mit 2 Flasks ausgestattet und einem Miniflask im Rucksack, um die geforderten 1.5l am Mann zu haben. Allerdings leer, niemand hat gesagt der Flask müsse voll sein. Ich hänge mich direkt an William und beginne ein Gespräch mit ihm. Er ist ziemlich eloquent und es macht Spaß mit ihm zu plaudern, die Zeit vergeht schneller, man ist abgelenkt und weiß trotzdem, das Tempo passt und ist gut für ein nettes Ranking. Nach ein paar Minuten erzähle ich ihm von Alex und den Abständen. Er sieht sich auch nicht direkt bedroht, versteht aber, dass ich mich lieber mit Verteidigung von vorne befassen möchte als der Sache beizuwohnen, um dann zu reagieren. Wir beobachten Kilometer um Kilometer, wie sich das Rennen entwickelt und überholen dabei 4 wirklich starke Läufer, die in den Tagen zuvor noch vor uns lagen. Heute stehen die Dinge anders, ganz klar sind die Akkus heute leerer als noch gestern und das hohe Starttempo fordert auch seinen Tribut.
Die Temperatur ist schon frühen Morgen nahe dran an den 30 Grad und klettert weiter.
Alex lässt sich nicht abschütteln, er bleibt dran, verkürzt den Abstand sogar. Natürlich wissen wir nicht, was sein Plan ist und ob er überhaupt einen hat. Wir wissen auch nicht, ob er die Liste gelesen hat und ob er uns als Konkurrenten sieht oder einfach nur schnell laufen will. Wir beschließen gemeinsam, dass wir ihn aber auch nicht fragen wollen, sondern Tatsachen schaffen. 50m vor VP2 schlägt William vor, dass wir bei diesem VP (bei dem alle nachtanken müssen) die Sache so drehen, dass ich als Erster den VP verlasse und William zurücklasse. Da Alex inzwischen direkt hinter uns ist, will William mal eine Zeitlang mit ihm laufen und schauen was passiert. So passiert es. Der Deal ist aber auch, dass ich William verspreche auf keinen Fall seine 15 Minuten Vorsprung zu gefährden, sollte sich das Szenario dahin entwickeln weiter Tempo machen zu müssen.

Rennstrategien – war das alles totaler Quatsch?

Ich eile aus dem VP und erhöhe deutlich die Pace. Die Stelle eignet sich sehr gut, weil es bergan geht, nicht steil, aber doch kraftraubend. Eher meine Domäne als Alexandrs. Sehr schnell verliere ich die beiden aus den Augen, überhole 3 andere Läufer und nehme noch den nächsten Hügel, bevor ich das Tempo wieder drossele. 150m hinter mir taucht plötzlich William auf, ohne Alex. Was ist passiert? Ganz langsam trabe ich weiter und warte auf William, um die Story zu erfahren. Mindestens 600m weit ist kein Läufer zu sehen.
Er ist geplatzt, sagt William. Schon recht zeitnah nach dem VP hat er das Tempo deutlich herausgenommen und konnte William nicht mehr folgen, ist dann noch weiter zurückgefallen. Bedeutet nicht, dass das Thema beendet ist, aber zunächst ist Entwarnung angesagt. Wir laufen gemeinsam weiter, nehmen eine nächste Düne mit sehr tiefem Sand und ich merke so langsam, dass mir die Sache heute auch zu schaffen macht. Mit inzwischen über 30 Grad ist dieser Morgen verdammt heiß und ich erlebe auch einen Moment der Schwäche. William muss ich ein wenig vorlaufen lassen, ohne aber den Kontakt zu verlieren. Den verliere ich dann an VP3 bei Kilometer 22, bevor es erneut in einen Canyon geht, der immerhin etwas Schatten verspricht. Der VP hat mich dieses Mal etwas Zeit gekostet, weil ein Läufer vor mir die Besatzung etwas gebunden hat und ich nicht ans Wasser kam. Immerhin bin ich direkt danach an ihm vorbeigehuscht und vor ihm in den Canyon eingelaufen.
William ist inzwischen zu weit weg, um die Lücke zu schließen. 3 Kilometer später ist ein weiterer Läufer überholt und jemand vor mir wechselt permanent zwischen Gehen und Laufen. Da es aber tiefen Sand hat und aufwärts geht, bringt mir das keinerlei Vorteile. Inzwischen beschäftigen mich selbst auch wieder leichte, dumpfe Schmerzen an der linken Knieinnenseite. Noch nichts bedrohliches, aber so etwas kann sich ganz schnell ändern. 20 Minuten kostet es mich, bis der Spuk vorbei ist und ich mich daran machen kann den Vordermann anzugehen. Seine Knieprobleme sind heftiger geworden und er lässt mich ziehen. Wir wünschen uns schon hier ein tolles Finish – hoffentlich nicht zu früh. Der Abstand wächst schnell, aber irgendwann läuft er wieder.
Nun meldet sich das Knie rechts, wieder die Innenseite. Kann nicht sein, das ist neu. Doch nicht jetzt. Mir wird klar, dass dieses letzte Rennen absolut auf Kante genäht ist und das auch ich nun aufpassen muss es nicht zu übertreiben, die Kraft ist da, motiviert bin ich auch, laut Uhr muss VP4 an km 28 gleich kommen. Ist aber nichts sichtbar. Die Ebene ist gar nicht so eben wie gedacht, überlege ich, der VP muss tiefer liegen als mein Trail, sonst müsste ich ihn längst sehen. Das Knie dröhnt nun mehr, inzwischen tut es echt weh. Ich versuche das auszublenden und spiele Filmchen von meinem Zieleinlauf vor dem inneren Auge ab, die Wasserdusche, die Medaille und hoffentlich auch das Black Ribbon.
Der Trail geht leicht bergab, die Uhr sagt 30K, noch 4K – endlich sehe ich den letzten VP. Noch 500m und jetzt wird gegrölt und getanzt, Musik gemacht. Brauche ich etwas? Nicht wirklich, die letzten 4K würde ich auch so überleben, fülle eine Flask aber trotzdem auf. Mit dem Worten “Last 6K” werde ich in die Wüste geschickt. “Wie 6K?” 4 müssen es sein. Ich bleibe stehen und frage noch einmal. Nein, es sind wohl 6K, Route liegt nun etwas anders. 30.5 habe ich auf der Uhr. Pfuah, das ist nun echt hart! Gedanklich war ich schon im Ziel und nun sind es noch harte 6K! Am Ende werden es sogar 7.5K sein, aber das weiß ich noch nicht…

Verlaufen in der Wüste…

Ich laufe weiter, checke die Uhr und lese fette 42 Grad ab. Wow, neuer Rekord. Hätte ich jetzt nicht gebraucht. Die Motivation ist auf dem absoluten Tiefpunkt angekommen. Und weil es gerade nicht übler laufen könnte, stelle ich nun fest den abgesteckten Trail verlassen zu haben. 500m hinter dem VP habe ich mich verlaufen. Braucht kein Mensch in der Situation. Nun ja, die grobe Richtung ist klar, aber die Ebene ist sehr, sehr breit und irgendwie sehen die Felsmassive hier auch alle gleich aus. Keine Ahnung welches davon das am Camp ist.
Ich irre ein wenig herum und bin planlos, während der vorhin Überholte den VP verlässt. Man könnte jetzt warten welchen Weg er einschlägt oder selbst handeln. Ich tippe auf links und laufe ein paar Hundert Meter bis ich tatsächlich ein einzelnes Fähnchen sehe, aber kein anderes. Nun laufe ich ein wenig Zickzack und finde zwei weitere Fähnchen, die im Sand liegen. Aha, oft gesehen aber das war nun eine ziemlich blöde Konstellation. Auf 10m sieht man umgefallene Fähnchen einfach nicht, schwierig bei 50m Abstand. Aber immerhin kann ich nun eine gedankliche Linie ziehen und nehme das Rennen wieder auf.
Mein Verfolger sieht aber nun seine Chance und rückt näher auf, er läuft wieder und gar nicht langsam. Diesen Platz gebe ich nun nicht mehr her, egal was es kostet, ist nun das neue Motto. Wir eilen im Abstand von etwa 150m durch die Hitze, dann geht es rechts ab in eine neue Ebene und hier erkenne ich die “heimatliche” Felsformation und weiß leider auch: das zieht sich nun noch wie Kaugummi über Kilometer. Irgendwo vor mir läuft William, weit außerhalb meiner Range, aber gut erkennbar. Mehrere Geländewagen mit kreischenden Touris preschen an uns vorbei, sie haben die Irren entdeckt, unterstützen uns aber und so etwas tut gerade ziemlich gut. Die Knieschmerzen sind nun weg, vermutlich gekillt vom jetzt ausgeschütteten Final-Endorphin, mein Verfolger hat auch eingesehen, dass der Abstand nun wieder zu groß ist.
Der letzte Hügel zum Camp ist vor mir, die Luft ist komplett raus, 38K auf der Uhr, 500m fehlen noch. Ganz schön fette Streckenverlängerung in diesem Gelände und bei den Temperaturen. Dann bringe ich diesen Tag zu Ende, genieße die Wasserdusche, bekomme meine Medaille und schreite zu der Tat über, die ich mir nun seit etwa 3 Stunden vorstelle: der Übergabe von 5 Dosen Cola durch den Camp-Beduinen an mich. Eine sechste kaufe ich für William, schlurfe hinüber, bedanke mich für seine Hilfe und beglückwünsche ihn. Hätten wir uns an Tag 1 kennengelernt, wäre das vermutlich zu einem Duo gewachsen.
Uns trennen am Ende 20 Minuten auf 225.6 Kilometer auf meiner Uhr. Er hat meinen absoluten Respekt für eine derart konstante Leistung und diese stoische Gelassenheit, die Dinge am Ende zu entscheiden. Was für eine Geduld.

Tip me…

Tja, die Getränkeübergabe vom Softdrink-Wärter war weniger feierlich. Dachte ja, dass er uns auch gratuliert. So ein wenig wenigstens. Aber er sah diesen emotionalen Moment eher anders und fordert “Tip me!”. Ich gebe ihm einen weiteren Dinar und streiche von dannen. Er hat ja Recht, die Reichen Europäer machen hier ein Rennen für viel Geld zum Spaß und er muss uns bedienen für einen mutmaßlichen Hungerlohn. Heute war sein Tag, nicht nur unserer. Danke, mein Lieber.
Die brutale Hitze hat an diesem Tag Opfer gefordert. Ich höre von einer notwendigen Infusion nach vermeintlicher Dehydrierung und ein Läufer wird per 4×4 ins Camp gebracht und durchleidet einen kapitalen Hitzschlag, wird aber vom ganzen Ärzteteam bestens versorg. Wirklich keine schönen Bilder. Am Abend dreht er im Camp vorsichtig schon wieder seine Runden, um den Kreislauf ins Lot zu bringen. Es hat so einige erwischt, die es dann auch haben gut sein lassen mit dem Laufen und die Angelegenheit gehend beendet haben. Im Medic-Unterstand kommen in den nächsten Stunden eine Menge Teilnehmer unter, um sich betreut zu erholen. Das zum Thema “entspannter Finaltag mit weniger Distanz und Sand”. Knüppelhart war der Tag.

Das Beduinen-Barbecue

20:00 Uhr Barbecue, 20:30 Uhr Medal-Ceremony. Darf ich dann noch aufessen? Straffer Plan. Aber eh falsch. Um 19irgendwas steht die “deutsche Delegation” vor unserem Zelt Nummer 10 und wähnt sich in guter Position zur Aufnahme von schmackhaften Kohlenhydraten aus heimischer Produktion. Leider am falschen Ende, denn die Warteschlange fürs Buffet beginnt auf der anderen Seite. Leichte Panik beschleicht mich. Wir sind nicht die letzten in der Schlange, das sind die Medics und das Orga-Team, aber doch weit, weit weg vom Essen. 25 Minuten später sehen unsere Teller dann genauso aus wie alle anderen: aufgeschichtete 10cm aus allem was da war (Vegetarier hatten dabei ein wenig das Nachsehen).
Das letzte Salz kippe ich über das Essen, macht es deutlich besser. Nicht lukullisch, aber doch gut und auf jeden Fall anders als die Expeditionsnahrung der letzten Tage. Besonders alt wird heute keiner mehr, aber vorher gibt’s noch eine Ehrung für alle Läufer unter der 27h-Schwelle. Ich darf das Black Ribbon in Empfang nehmen. Danach auch noch das White Ribbon, für alle Läufer unter 30h. Als Comedy-Einlage werden noch diverse Preise mit beschrifteten Papptellern für das beste/schlechteste Outfit, das netteste Pärchen, den unterhaltsamsten Genossen und und und verliehen.
An diesem Abend gibt es leider keine Ergebnisliste mehr und so erfahre ich erst am nächsten Morgen, dass ich Rang 16 nicht nur halten konnte, sondern mich auf Rang 15 verbessern konnte. William und ich haben beide von einem erheblichen Zeitverlust direkt vor uns profitiert und sind etwas weiter nach vorne gerückt. Final also Platz 15 Gesamt, 5. Platz AK. Viel mehr war nicht drin. Am ersten Tag habe ich bestimmt 20 Minuten unnötig verschenkt, was mir am Ende Rang 13 oder 14 gebracht hätte. Aber man weiß es halt auch nicht und mir fehlte die Erfahrung mit Multistage-Rennen. In Summe bin ich mit dem Ausgang mehr als zufrieden. Die Komfortzone musste ich nie wirklich verlassen und nicht ein einziges Mal haben sich Gedanken wie „Was für eine bekloppte Idee – nie wieder!“ bei mir eingeschlichen. Kann ich aus meiner Radsportkarriere nicht behaupten, da gab es diese Gedanken bei Bergrennen öfter Mal. Nicht dass es mich davon abgehalten hätte im nächsten Jahr wiederzukommen, aber zumindest für ein paar Minuten war die Motivation im Eimer.

Samstag – die Rückreise über Petra in Jordanien und der Terroranschlag in Israel

Samstag – Das Rennen ist vorbei und die Rückreise aus der Wüste steht als nächstes auf dem Plan. Allerdings nicht direkt, denn unsere deutsche Gruppe nimmt den Umweg über die Felsenstadt der Nabatäer: Petra und das Wadi Musa. 

07:30 Uhr im Wadi Rum Camp. Abreise.

Nicht, dass wir mal hätten ausschlafen können, um das heftige Schlafdefizit abzubauen. Fast schon komisch, dass dieses Mal keine Startlinie wartet – wir hatten uns schon daran gewöhnt. Stattdessen stehen am Start/Zielbogen nun unzählige Geländewagen.
Bei der Anreise sind wir durch reinen Zufall nicht einem durch Petrolhead Joe Ocr initiierten Rennunfall ums Leben gekommen. Nun besteht die Chance das nachzuholen. Aber es gibt einen Lichtblick, der Jungspund vom letzten Sonntag ist nicht sichtbar. Joe wählt eine Karre aus, die ich so gerade eben noch als „verkehrstüchtig jenseits öffentlicher Straßen bis 30 km/h“ durchgehen lassen würde. Der Fahrer hat die 50 überschritten und ruht mutmaßlich in sich selbst. So wie ich, bis jetzt. Los geht die wilde Fahrt. Natürlich wieder mal als erstes Fahrzeug der Kolonne. WTF? Es beginnt vertretbar, es bleibt im Rahmen für die nächsten 2-3km und dann muss irgendeine Aktion der anderen Fahrer den Trigger unseres Fahrers gepusht haben.
Überholt werden geht gar nicht! Meine Devise beim Laufen. Verstehe ich. Aber ich renne ja auch nicht mit 80 Sachen durch unwegsames Gelände und habe dabei noch 6 Europäer auf dem Rücken.
Lassen wir das. Es war nicht ganz so grenzwertig wie 6 Tage zuvor, wir haben es überlebt und sind ohne Beschädigung in einen der Busse nach Petra gestiegen.

Mit dem Bus nach Petra

Unsere „deutsche Delegation“ in voller Mannschaftsstärke, aber nicht alle Rennteilnehmer. Viele hat dann wohl doch das Hotelbett und ein monströser Burger mehr gelockt (Vegetarier/Veganer tauschen den Begriff gegen ein ihrer Meinung nach festliches Mahl aus. Ich habe davon keine Ahnung.).
Bei der Buchung hatte ich mir auch überlegt, in welchem Zustand man dort wohl aufschlägt. Darf man dort Infusionsgestelle hinter sich herziehen? Ist das Gelände Rollstuhlgeeignet? Brauche ich zwischendurch Zuspruch durch einen Mentalcoach? Wir werden sehen. Im Bus hat es sich jedenfalls ziemlich gut angefühlt.
Ein paar Fahrtstunden später gurken wir in der Region südlich um Petra herum und erleben bizarre Bergwelten auf einer Höhe um die 1700m. Beeindruckend. Ein Stop an einer Station mit dem „Best view of the World“ lässt uns das fotografisch dokumentieren. Verdammt, muss ich jetzt doch noch mal herkommen? So viele saucoole Berge, so wenig Zeit.
Eine Stunde später erreichen wir Petra. Wow, Zivilisation. Modernes Museum, Parkplatz mit ungefähr 2 Mio Bussen – nicht direkt ein Geheimtipp, dieses Petra.
Joe und ich machen das gemeinsam. Also Kohlenhydrate in Festkörper- und fluider Form erwerben und los gehts. Mit dem Jordan Pass kostet es uns nichts. Der Eintrittspreis ist wirklich heftig, aber mit dem Pass hat sich das alles absolut gerechnet. Keine Visagebühren, kein Eintritt in der Zitadelle von Amman und Petra ist auch inklusive. Wir hätten noch zig andere Dinge frei besichtigen können, aber es fehlte an Zeit.
Unterschätzt haben wir die Weitläufigkeit des Areals. Man kann sich darin tatsächlich einen Wolf laufen und die Treasury, das wohl bekannteste Bauwerk, ist nur eines von vielen Attraktionen. Die Zeit vergeht und ratzfatz haben wir 10K auf der Uhr und hätte der Bus nicht gewartet, wären es bestimmt 15K geworden. Die Beine sagen nix, unglaublich – alles im grünen Bereich. In Summe kann man Petra nur absolut empfehlen, sensationell, was die Nabatäer sich von den Römern abgeguckt und gebastelt haben. Blöd nur, dass die irgendwann hier aufgeschlagen sind und letztlich mit dafür verantwortlich waren, dass Petra dann für viele Hundert Jahre in Vergessenheit geriet.
Im Bus angekommen, informiert uns Bus-Comedian und Chef-Medic John über die Rückreise, die Fahrtzeit und das Prozedere im Hotel. Währenddessen zeigt uns der Busfahrer, wie man mit einem sperrigen Bus und etwa 3mm Luftraum zu allen Seiten durch einen restlos überparkten Busparkplatz navigiert, ohne erschossen zu werden. Keine Ahnung welche Fahrschule ihm das beigebracht hat, aber da dürfen sich deutsche Busfahrer ganz hinten anstellen.
Im Außenbereich von Amman halten wir an zwischen einer An- und Abfahrt der, nennen wir es einmal Autobahn. Hier steigt Seriensieger Salameh aus und entschwindet durch ein Gebüsch nach Hause. So macht man das hier. Es kann so unkompliziert sein. Ankunft am Hotel um 1730. Der Zimmerschlüssel liegt nach 10 Minuten in meiner Hand, wer hätte das gedacht? Sam wartet an Zimmer 401 vor der Koffer-Verwahrstelle, wo wir unsere sonstigen Gepäckstücke deponiert haben. Mega, auch das war ganz schnell und unkompliziert. Grandios organisiert, Ultra X. Hut ab! So. Tür auf, Rein, Tür zu. Ins Bett fallen lassen. Fertig. Das wars!
Zurück in der Zivilisation
Eine halbe Stunde später wird der ganze Dreck in der Badewanne abgewaschen. Bestimmt stinken wir alle so wie die Kamele in der Wüste. Jetzt was zu Essen und zwar ganz schnell und außerdem brauche ich noch Gewürze zum Mitnehmen. Da fiel mir nichts besseres ein als nun im Dunkeln ins nächste Stadtviertel zu wandern, wo es eine Mall gibt. In Hoffnung dort a) einen Mega-Burger zu erhalten b) einen billigen Ersatz für die schon vor der Wüste zerbrochene Lesebrille zu finden, die nun zudem nur noch ein Glas hat und c) die Beine ein wenig lockerer zu machen, denn die Busfahrt hat dann auch mal mit Sitzen ausgereicht.Im Handy lese ich spärliche Informationen über den Terrorakt in Israel. Absolut erschreckend und irgendwie auch beunruhigend, denn so weit ist das von hier nicht. Die israelische Grenze ist schnell erreicht.
Job done! Alles gefunden, Brille nicht – fliege ich halt ohne Lesefähigkeit zurück, Zaatar bei einem Gewürzprofi eingekauft, eine Tüte Burger und 2 Portionen XXL-Fries gekauft und nach 5K wieder im Hotelzimmer.
Jetzt die Familie anrufen, mit den Kindern plaudern und dann mal sehen ob es noch auf die Dachterrasse des Hotels zu den anderen geht, die es sich dort schon gemütlich gemacht haben. Aus „mal sehen…“ wurde „eingeschlafen“, nach einem sehr langen Telefonat. Am nächsten Morgen gibt es das letzte, fast gemeinsame Frühstück, denn Holger Nolte musste leider schon superfrüh raus und ab zum Flughafen. Wir lassen uns Zeit, denn unser gemeinsamer Flieger geht erst um 1510 von Amman nach Istanbul und von dort 2 Stunden später weiter nach München.

Alles anders nach dem Terrorakt in Israel

Angesichts der neuen Sicherheitslage beschließen wir aber sehr zeitig abzureisen. Joe hat seinem Amt als Transportoffizier wieder einmal alle Ehre gemacht und uns ein Hoteltaxi mit astronomischen Ausmaßen organisiert. Nicht direkt das was unter „günstig“ fällt wie bei der Hinreise, aber definitiv in seine Kategorie von „artgerechtem Reisen“. Zu Dritt hinten im Fond? Lächerlich, da hätte noch ein Kamel dazwischen gepasst! Joe darf vorne sitzen, ich glaube das hat im gut gefallen. Der Fahrer knallt in Rekordgeschwindigkeit durch den Verkehr zum Flughafen. Als ob man auf der Flucht wäre. Angesichts der neuen Lage könnte man das auch fast annehmen, aber zu dem Zeitpunkt sah das keiner so.
Was klar auffällt ist, dass der Flughafen inzwischen aufgerüstet hat. Mehr Uniformierte, größere Waffen, mehr gepanzerte Fahrzeuge. Flüge von und nach Israel sind ausgesetzt. Die letzten sind unterwegs. Da unser Flug auch nach wenigen Minuten und noch im Steigflug über Israel führt, bleibt ein leicht mulmiges Gefühl. Wie katastrophal aber der gestrige Terrorakt war, ist uns aufgrund der schwachen Nachrichtenlage deutscher Medien immer noch nicht wirklich klar. Soldaten sprachen am Gate von vermutlich über 1000 Toten und einem Massaker, das möglicherweise einen Krieg auslösen könnte, wir fassen es nicht. Jordanien gilt zwar nicht als Rückzugsgebiet für Terroristen und hat einen fähigen Geheimdienst, aber eben auch problematische Nachbarn mit Irak und Syrien, sowie der Hamas generell und im Gazastreifen. Unwahrscheinlich, dass der Ultra X Jordan in 2024 stattfinden wird.
Viele Stunden später ist die Reise dann tatsächlich zu Ende. Der Flughafen München hat uns eine gefühlte Ewigkeit auf die Koffer warten lassen und dann haben sich unsere Wege getrennt. Mit einer letzten Wanderung über 1.4k zum absolut letzten Außenparkplatz des Airports, beende ich alle Lauf- und Gehaktivitäten des Projekts Ultra X Jordan und bin eine halbe Stunde vor Mitternacht daheim im Voralpenland. Um 0800 geht’s ins Homeoffice…
An dieser Stelle möchte ich Nachahmer davor warnen. Ich würde in Zukunft noch 1-2 Tage Urlaub dranhängen, um sich für den Alltag vorzubereiten. Es hinterlässt Spuren!