Zwischen Ehrgeiz und Selbstzerstörung: Meine härteste Lektion

Gröna Bandet 2025 - FKT gescheitert

Ein Ultratrail, zwei Verletzungen, viele Erkenntnisse: Warum Vernunft stärker ist als Ehrgeiz

Der August 2025 sollte ein denkwürdiger werden. Der Höhepunkt meiner bisherigen Laufleidenschaft im Gelände: ein Rekordversuch über 1300 km Wildnis im Skandengebirge zwischen Schweden und Norwegen. Doch nach zehn Tagen war Schluss. Zwei aufeinanderfolgende Verletzungen – und der Traum war vorbei.

Was lernt man daraus als Läufer?

Über ein Jahr Vorbereitung und Training. Sponsoren, mediale Präsenz, ein Profifotograf an meiner Seite – viel mehr kann man kaum investieren, um einen Traum Wirklichkeit werden zu lassen. Und genau deshalb fühlt sich die Fallhöhe so brutal an, wenn es schiefgeht. Oder?

Diese Frage habe ich unzählige Male gehört. Und ja: Man braucht Abstand, um überhaupt zu begreifen, was das alles mit einem macht. Die Fitness & Running (Österreich) hat das Thema in ihrer Dezember‑Ausgabe 2025 aus einem völlig anderen Blickwinkel betrachtet. Während ich in Podcasts noch davon sprach, den Sommer verarbeitet zu haben, haben ihre Gedanken mir neue Impulse gegeben.

Kein Held, aber ein Vorbild? Wirklich? Ich hatte schlicht keine Wahl. Ein überdrehter Meniskus und eine daraus resultierende Entzündung der Schienbeinkante machten jeden Schritt zur Qual. Laufen war unmöglich, Schmerzmittel halfen nicht mehr, und eine Evakuierung per Heli stand im Raum, wenn ich mich mit meinem Partner weiter in verblocktes, alpines Gelände gewagt hätte.

Ich habe Stunden damit verbracht, nach Auswegen zu suchen. Abgewogen, gehofft, mir die Situation schönzureden. Helden überwinden so etwas, sagt man. Sie schleppen sich ins nächste Etappenziel, egal wie zerstört sie sind. Ein paar Stunden Schlaf, und am nächsten Tag geht das Trauerspiel weiter. Und wenn man nach 1300 km Wildnis nie wieder läuft und jahrelang an den Verletzungen herumdoktert, gilt man trotzdem als Held. All das habe ich durchgespielt. Und ganz ehrlich: Ich habe damit geliebäugelt.

An Tag 6 habe ich den Entschluss gefasst, den geordneten Rückzug anzutreten und die knapp 50 km einer Etappe allein zurück in die Zivilisation zu laufen. Mein Partner, selbst verletzt, hielt noch zwei weitere Tage durch, bis auch er einsehen musste, dass es nicht mehr geht.

Ein gemeinsamer Versuch drei Tage später lief überraschend gut, aber wir beide spürten sofort: Es braucht nur einen harten Tag im Gebirge, und die Verletzungen flammen wieder auf. Also flog mein Laufpartner zurück nach Italien, während ich noch anderthalb Wochen allein durchs Land reiste – um die Wunden heilen zu lassen. Körperlich, ja. Aber vor allem seelisch.

Ich muss es mir selbst wert sein

Es folgten Interviews, Podcasts, viele Kommentare von Freunden und Bekannten und letztlich der Artikel in der Running & Fitness, der sich deutlich von anderen abhob und mich noch einmal nachdenklich stimmte. Was ist davon geblieben, ein Dreivierteljahr später und in einer erneuten Trainingsphase, in der der Fokus wieder auf Schweden liegt – diesmal bei einem 100‑Meilen‑Trailrennen der UTMB‑World Series?

Es ist mir kein Zacken aus der Krone gebrochen. Die Krone hat ein paar Macken, ja – aber das ist okay. Würde ich von einem Athleten, den ich betreue, erwarten, dass er gegen jede Vernunft handelt und Verletzungen ignoriert, die dauerhafte Schäden hinterlassen können? Niemals. Ich hätte ihm geraten, genau hinzuschauen, abzuwägen, ärztlichen Rat einzuholen und eine kluge Entscheidung zu treffen.

Was einmal nicht funktioniert, muss beim zweiten Mal nicht wieder scheitern. Zerstörte Gelenke und chronische Entzündungen dagegen sind lebenslange Erinnerungen an eine Zeit, in der man eigentlich nur laufen wollte. Und das kann nicht der Sinn des Laufens sein.

In Zeiten, in denen ein Ultraläufer beim Last Soul Ultra vollgepumpt mit Schmerzmitteln 448 km läuft und gewinnt – und in Interviews offen zugibt, 8000 mg Schmerzmittel genommen zu haben, weil sein Knie ab Kilometer 130 nicht mehr belastbar war (und ohnehin vorgeschädigt ist) – muss man sich fragen, warum so etwas als Heldentat gefeiert wird.

Und so nehme ich diese Erfahrung mit in mein Coaching als extreme Situation, die mich erneut lehrte, wie dünn die Linie zwischen Ehrgeiz und Selbstzerstörung sein kann. Sie hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, rechtzeitig Grenzen zu erkennen, Entscheidungen nicht aus Stolz zu treffen und den eigenen Körper nicht als Gegner zu betrachten, den man besiegen muss. Diese Lektion gebe ich heute weiter – nicht als Heldengeschichte, sondern als ehrliche Erinnerung daran, dass kluge Entscheidungen oft die härtesten sind.