Am Vortag der Abreise nach Schweden sollte es noch einen entspannten Easy Run im heimischen Wald geben, bevor ich in der folgenden Nacht zig Stunden Auto fahre. Also rein in die Schuhe und ab in den Wald. Nach 4 km war es dann irgendein Ast, den ich auf dem Trail übersehen habe und der mich nötigte, einen monströsen Ausfallschritt mit dem rechten Bein zu machen.
Wäre ich mit meiner Yoga- und Pilates-Karriere schon weiter fortgeschritten gewesen, kein Ding. Aber so war es dann deutlich zu viel und ein aus der Hölle exportierter Schmerz streckte mich nieder. Ein paar Minuten später war ich mir sicher: entweder ein Muskelfaserriss oder eine Zerrung allererster Klasse. Beides saublöd, sieben Tage vor dem nächsten Ultra. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt, also nach Hause gehumpelt, alles an Eis drauf, was der Eisschrank hergibt und ab nach Schweden.
Eine Woche Hoffen und Bangen (Hopp och rädsla)

Bis zum Donnerstag vor dem Rennen am Samstag war an Lauftraining nicht zu denken. Gehen ja, Laufen nein. Immerhin konnte ich ab Dienstag wieder vorsichtig mit der Faszienrolle arbeiten und Tag für Tag wurde es ein klein wenig besser. Erst am Vortag des Rennens war es möglich, 10 km halbwegs schmerzfrei zu absolvieren, auf dem weichen Waldboden rund ums Ferienhaus. Suboptimale Bedingungen, um beim Snapphaneracet 56 km und 1.600 hm zu absolvieren – in einem Buchenwald, der stark verblockt ist und förmlich nach Technik schreit.
Das Snapphaneracet
Start um 10:00 Uhr, Cut-off um Mitternacht (aber eher für die Läufer auf der 50-Meilen-Strecke gedacht). Die Strecke liegt zu 99 % im Wald und nimmt absolut jeden Anstieg mit, der sich anbietet, denn richtige Berge gibt es hier nicht.
Dementsprechend läuft man auf den Waldtrails im Zickzack jeden Anstieg hoch und die Trails sind gespickt mit Steinen jeder Größe. Konzentration ist angesagt, sonst liegt man permanent auf der Fresse. Entsprechend unrhythmisch ist das Laufen; das liegt mir nicht so gut. Ich mag eher die langen Anstiege und flowigen Downhills.
Nach den ersten 5 km dachte ich mir mit einer Pace unter 6 min/km noch: „Wow, gutes Tempo im ersten Viertel des Felds.“ Beeindruckt hat mich das nicht, denn in der Regel werden die Toten am Ende gezählt und man sammelt diejenigen später ein, die es zu Beginn zu schnell angehen ließen. Ganz offensichtlich haben die Schweden aber eine weitaus realistischere Selbsteinschätzung oder viel mehr Erfahrung, denn das Rennen war im Prinzip nach 5 km so sortiert, wie es nach 56 km aussah. Nix mit „Einsammeln“, kaum Plaudereien im Feld, Trailrunning am oberen Ende meiner vertretbaren Skala.
Den ersten VP nach 12,5 km habe ich überlaufen und ein paar Plätze gutgemacht, dann ging es einen Anstieg über etwa 130 hm hinauf zum höchsten Punkt der Strecke. Da oben waren es dann erstaunliche 25 Grad und nach dem Regen der letzten Wochen auch echt schwül.
Off-Grid auf Schwedisch
Von hier dann hinein ins Gehölz: kein Trail mehr, überall Totholz. So langsam mutierte das Ganze zum Orientierungslauf, inklusive Verlaufen. Nach 500 m raus über einen abgeholzten Hügel mit Totholz; hier wusste ich mal kurz gar nicht mehr, wo es weiterging. Zu weit gesteckt die Markierungen und ich konnte mir auch nicht vorstellen, dass es ernst gemeint ist, über diesen Holz- und Reisighaufen wieder bergab zu laufen.
Unvorstellbar, dass ein Veranstalter bei uns so etwas einplant, viel zu hohe Verletzungsgefahr. Laufen war mir hier zu gefährlich und eh kaum möglich. Überhaupt war es oft kaum möglich, die bergauf verlorene Zeit bergab zu kompensieren, wie das in den Alpen oft wunderbar klappt. Zu ausgesetzte und verblockte Trails, nasses und loses Moos, Totholz, hochstehende Äste. Wie das die drei Schnellsten gemacht haben, ist mir zweifelhaft.
Danach ging es dann wieder zivil bergab und kreuz und quer über die Trails in Richtung Ziel, natürlich nicht direkt, denn man musste ja noch die knapp 800 hm der Runde vollbekommen. Irgendwann war dann das Ziel greifbar und überaus gerne hätte ich das Ding dann auch an der Stelle beendet – unerwartet kraftraubende Angelegenheit. Also Flaschen am Dropbag getauscht, neue Liquids eingesteckt und wieder rauf auf den Trail, dieses Mal aber gegen den Uhrzeigersinn und somit die Strecke zurück, die ich gerade vom Berg herunterkam.
Warum mich Charlotte beim Wendepunkt fragte, ob wir einen zweiten Autoschlüssel dabei haben, habe ich nach meinem „Nein“ nicht tiefer ergründet. Sauerstoffarmut, andere Probleme, war besser nicht nachzufragen. Auflösung später…
Die zweite Runde, aber nun mit dem Uhrzeigersinn
Kilometer 35: Der erste Tiefpunkt erreicht, motivatorische Tieffliegerei. Eine Quelle mit eiskaltem Wasser die Rettung: Kopf rein, Mütze nass machen – ging wieder. Bei km 40 erreichte ich erneut das Totholzgelände und habe mir zur Begrüßung erstmal mit der Fußspitze rechts einen Knüppel mitgezogen und gegen die linke Achillessehne geknallt. Dachte schon, das war’s, aber der Schmerz ging wieder.
Ab hier schlich sich der Schongang immer mehr ein und damit auch die Gefahr, mit fortschreitender Ermüdung die Füße nicht mehr ausreichend hochzunehmen. Gefühlt bin ich ab hier bis zum Ziel noch 100-mal irgendwo vorgedonnert, vor allem links. Enge Trails, fast alles ausgesetzt und verblockt. Resultat: Zehen links geprellt, großer Zeh blau. Learning: Auf solchen Kursen ab jetzt mindestens eine halbe Schuhgröße mehr. Habe ich in den Alpen bisher nie gebraucht.
An km 42,5 (unbesetzte Station) lauerte eine 2-Liter-Colaflasche. Mit so etwas bin ich sehr vorsichtig, wenn das Ziel noch so fern ist, aber ich hatte noch genug Squeezy Liquids, um nach dem Zuckerschock der Cola den abfallenden Insulinspiegel aufzufangen. Ab km 50 wurde es dann richtig übel. Das Knie rechts zickte herum; nach 50 m Gehen ging es dann wieder.
Das Spiel wiederholte sich noch bestimmt 20-mal und hat mich den 8. Platz gekostet. 3 km vor dem Ziel war es dann wieder gut und ich konnte noch einmal Gas geben, sehr zum Entsetzen des Läufers vor mir, der sich die „leichte Beute“ wohl anders vorgestellt hat. Er war ein wenig gestresst, weil ich noch einmal fast aufschließen konnte, hat es dann aber ins Ziel gerettet.
So, meine Güte, war das krass. Erster Wettkampf-Ultra seit 1996, angesichts dieses Felds bin ich absolut zufrieden mit der Platzierung. Keine Pause, alles durchgelaufen, fast die gesamte Strecke alleine im Wald herumgestolpert und die Pain Cave erfolgreich wieder verlassen.
Die Zerrung im Vorfeld habe ich nicht mehr wirklich gespürt. Glück gehabt.
Ergebnis: 9. Gesamtrang – 56 km und 1.520 hm, Zielpace 7:19, Zielzeit 6:49.
Absolut null Probleme mit der Energieversorgung. 12 Squeezy Liquids und 1 l Squeezy Energy Drink, dazu 3 l Elektrolytgetränk, 10 Salt Tabs, 2 l Umara-Sportgetränk (schwedische Marke), 300 ml Cola, 1 Tüte Powerbar PowerShots Cola. Keine Krämpfe, keine Magenprobleme – tiptop!
Und noch ein Learning: Die Salomon Flasks mit festem Boden funktionieren in den Compressport-Ultrun-Laufwesten nicht! Habe jetzt beidseitig blaue Flecken auf den Rippen. Schuhwahl: Topo MTN Racer 2 – gute Wahl, absolut sicher und bequem, keine Blasen. Eine halbe Nummer mehr wäre aber hilfreich gewesen. Socken: Injinji Ultra Run Crew. Super, wenn es die bunten Versionen jetzt noch als lange Ausgabe gäbe! Traut Euch mal was, ihr Langweiler!
Die Sache mit dem zweiten Autoschlüssel…
Auflösung: Man (Frau) hatte den Schlüssel im Kofferraum liegen lassen und die Heckklappe geschlossen. Das nur zum Teil smarte Auto hat dann mal vorsorglich verriegelt. Ein reizender Mensch mit dem passenden Werkzeug und einem Kreditkartenlesegerät hat das Problem nach dem ersten Schock (Preis!) gelöst. Mein Schock folgte dann kurz nach dem Zieleinlauf. Auto auf, Urlaubskasse leer. Erst das Radlager, dann Auto aufbrechen und der Vollständigkeit halber sei an dieser Stelle erwähnt, dass auf dem Rückweg die Klimaanlage schlapp machte und bei 35 Grad Außentemperatur den Dienst einstellte. Die freundliche Werkstatt daheim hat auch hier Abhilfe geschaffen und das Konto weiter geleert.




